Rückblog: Land ohne Ufer

Zeitraum: Freitag, 13.08.21 – Freitag, 20.08.21

Da ich an mehr oder weniger regelmäßigen Wochenrückblicken noch übe, können bei schon existierenden Beiträgen an den Folgetagen noch Aktualisierungen hinzukommen. Wo sie auftreten, werde ich sie kennzeichnen.

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Samstag, 14.08.21
Die Geschichte von der Weberin und vom Kuhhirten variiert mindestens von Land zu Land, wenn sie nicht überhaupt jeder ein bisschen anders erzählt. Aber hier sind ein paar Gemeinsamkeiten: Weberin und Kuhhirte verlieben sich und heiraten, dann gibt es eine Pflichtverletzung gegenüber Dritten, die groß genug ist, um den Himmelsgott auf die Palme zu bringen, und das Paar wird getrennt und in die West- und Osthemisphären des Himmels verbannt. Nur einmal im Jahr – am siebten Tag des siebten Monats des Mondkalenders – dürfen sie sich treffen.

Nachstehend ein paar Szenarien, wie es gewesen sein könnte.

Szenario 1 aus Taiwan, Szenario 2 aus Südkorea, aber die allerschönste Geschichte kommt natürlich aus China.
 
Sonntag, 15.08.21 ORF / ÖR-1
SPD erstmals seit einem Jahr wieder vor den Grünen.

Scheint mir, als wäre das in Hamburg so ähnlich gewesen: Grüne lange vor SPD, aber am Ende blieb Tschentscher Oberbürgermeister. Aber man soll die Bundestagswahl nicht vor dem amtlichen Schlussergebnis loben.

 
Montag, 16.08.21 BBC World Business Report
Eigentlich wollte der schlechteste Außenminister seit 1945 (N-TV-Wahlwerbung) am 16. August erklären, wie die neue deutsche China-Politik aussieht. Daraus wurde nichts; offenbar sehr zu seiner Überraschung hatte er plötzlich mit Evakuierungen zu tun.

Aber zwei Meinungsführer erklärten der BBC am frühen Morgen schon mal, was der schlechteste Außenminister seit 1945 am Tag vermutlich sagen würde. Dort ab 11 Minuten, 15 Sekunden.

 
Montag, 16.08.21 Heise / Telepolis / Harald Neuber
Wie schon aus dem N-TV-Urteil über Heiko Maas ersichtlich (der N-TV-Kommentar kommt schließlich noch dahin, dass es gar nicht nur an Maas liegt, sondern auch an den Umständen, dass er der schlechteste Außenminister seit 1945 ist), befinden wir uns in der Woche der Generalabrechnungen. Und so teilt auch Harald Neuber ordentlich aus:

NICHTS WAR GUT IN AFGHANISTAN.
NIEMALS.

 
Dienstag, 17.08.21 Pengpai Nachrichten, Shanghai
FMPRC: 中方望阿富汗塔利班与“东伊运”等一切恐怖组织划清界限.

Dem chinesischen Außenministerium kann man sicher nicht vorwerfen, sich zuviel Zeit gelassen zu haben. Aber so schnell hatte man vermutlich auch dort nicht erwartet, nach einer etwaigen Anerkennung der „Taliban-Regierung“ gefragt zu werden.

Aber man hatte seine Forderungen an die Taliban ohnehin schon im Vormonat formuliert.

 
Donnersag, 19.08.21 CPBS
Die inländischen Medien Chinas schwelgten auch am Donnerstagabend Ortszeit noch im westlichen Abzug aus Afghanistan: Die Niederlage in Afghanistan symbolisiere die Niederlage der amerikanischen Hegemonialpolitik, so ein Kommentator.

Man darf davon ausgehen, dass die chinesischen Medien nach dem Abzug der USA aus Vietnam ganz ähnlich argumentiert haben, aber die Frage bleibt natürlich: für wen rechnet sich Amerikas Hegemonialpolitik, außer für bestimmte Interessengruppen? Und eine Frage, die in China nicht öffentlich gestellt wird: für wen rechnet sich die chinesische?

 
Dienstag, 17.08.21 Reuters
Taiwan jedenfalls sah sich veranlasst, China zu warnen: Sein Land werde nicht wie Afghanistan zusammenbrechen, erklärte der taiwanische Premier Su Tseng-chang am Dienstag, und Beijing solle sich nicht vormachen, es könne die Insel einnehmen.

Gefragt, ob er (wie der afghanische Präsident) fliehen würde, wenn der Feind an den Toren stünde, verwies Su auf seine Rolle als Oppositioneller während der Jahre des KMT-Militärregimes auf Taiwan. Seinerzeit hätten die Oppositionellen weder Haft noch Tod gefürchtet.

 
Freitag, 13.08.21 / Di, 17.08.21 SRF / Twitter
Im SRF-Interview (ab 31. Sekunde) hatte der frühere ISAF-General Egon Ramms bereits am Freitag (und noch ganz unter dem Eindruck des afghanischen Desasters) erklärt, vom Tempo der Taliban überrascht zu sein. Außerdem wies er aber auch darauf hin, dass mindestens ein vielversprechendes Programm aber 2014 auch nicht weitergeführt worden sei – siehe seine zweite Antwort unten.

Ramms: [Die afghanischen Regierungstruppen] sind nicht nur zahlenmäßig überlegen, sie müssten auch von der Ausbildung und der Ausrüstung her überlegen sein, aber dies zahlt sich offensichtlich nicht aus, und der einzige Schluss, den ich daraus ziehen kann, ist, dass ich sage, dass offensichtlich die Kampfmoral der afghanischen Regierungstruppen nicht von herausragender Stärke ist.

SRF: Mangelnde Moral als großes Problem sprechen Sie an – warum?

Ramms: Tja, es ist eine Frage, die ist nur schwierig zu beantworten, aber wir haben diese Erfahrung auch in den Jahren 2006 bis 2010 gemacht. Es war immer gut, wenn im Rahmen von partnering Soldaten der NATO, egal von welchem Land, mit den afghanischen Einheiten zusammen waren, weil die afghanischen Einheiten dann, auch um ihr Gesicht nicht zu verlieren, eine andere Moral gezeigt haben. Dieses Prinzip hat man 2014 mit dem Ende von ISAF aufgegeben, die Truppenteile selber – also Kompanieebene, Bataillonsebene, Zugebene – sind sich selber überlassen, und offensichtlich ist es dann einfacher, die Waffe wegzuwerfen und wegzulaufen, als tatsächlich zu kämpfen.“

Anders deutete am Dienstag der Soziologe Aladin El-Mafaalani in einem Twitterstrang die Flucht vieler afghanischer Regierungssoldaten:

Das Verhalten der afghanischen Soldaten ist hochrational. Mindestens 4 Erfahrungen reichen mir fürs Verständnis:
1. Gemeinsam mit der NATO hat die afghanische Armee die Taliban nicht beherrscht. NIE mehr als 50% des Landes kontrolliert.
2. Polizei und Militär Afghanistans haben Zehntausende Todesopfer im Kampf gegen Taliban zu verzeichnen, trotz der Hilfe der NATO.
3. Die NATO verschwindet nun in einer quick and dirty Abzug-Aktion, nachts, ohne Plan und Übergabe.
4. Die NATO sagt offen, dass das afghanische Militär sehr schwach ist und keine 6 Monate gegen die Taliban standhält. Vor der endgültigen Niederlage wurden „zähe“ Schlachten um Kabul vermutet.
Frage: Was ist vernünftiger als aufzugeben? Keine Todesopfer, keine Zerstörungen, weniger Hunger, auch weniger Rachsucht der Taliban als wenn hart gekämpft wird.

Diese Plausibilität auch jetzt noch nicht zu sehen, lässt eigentlich nur auf eine sehr eingeschränkte Perspektive, einen westlichen Bias schließen (man könnte fast einen kolonialen/imperialen Blick unterstellen):
„Die afghanischen Soldaten haben keine Chance, aber sie sollen sich wie Lemminge abschlachten lassen, damit wir ein paar Wochen mehr Zeit haben das Land zu verlassen.“ ?
Und dann der „2015 darf sich nicht wiederholen“-Fetisch – dabei ist längst „2015“…

 
Mittwoch, 18.08.21 Continuing Ed
Amerikaner im Ausland können erschreckend hellsichtig sein, aber zu Hause liest man sie halt nicht sehr häufig. Edward Snowden am Mittwoch:

Einige werden sagen, sie haben nicht gekämpft! Sie bekommen, was sie verdienen! Worauf ich frage: „Und was verdienen wir?“

Some will say, they didn’t fight! They get what they deserve! To which I say, “And what do we deserve?”

Und dann beschreibt Snowden ein Land, mit dem auch ein anderes als Afghanistan gemeint sein konnte:

Ein zänkisches Land bestehend aus sich bekriegenden Stämmen, unfähig, ein integratives Ganzes zu bilden; unfähig, über die seichten Differenzen aus Sekten und Identität hinauszuwaten um für eine gemeinsame Verteidigung zu sorgen, die allgemeine Wohlfahrt zu fördern und den Segen von Freiheit sich selbst und ihren Nachkommen zu sichern, und so gehen sie in der Spanne eines Atemzuges unter, ohne je das versprochene Ufer erreicht zu haben.

A fractious country comprised of warring tribes, unable to form an inclusive whole; unable to wade beyond shallow differences in sect and identity in order to provide for the common defense, promote the general welfare, and secure the blessings of liberty to themselves and their posterity, and so they perish—in the span of a breath—without ever reaching the promised shore.

 

Bis nächste Woche.
—-

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