„Scharfer Kommentar“: Nahe Nachbarn, ferne Verwandte

Um den Geist der Nationalen Konferenz über Öffentlichkeitsarbeit und ideologische Arbeit umzusetzen, und um die führende Rolle der Mainstreammedien auf dem Feld der öffentlichen Meinung zu stärken, startete das Nachrichtenzentrum von China Radio International am 1. Juni 2015 auf WeChat den „Internationalen Scharfen Kommentar“1) ,

zitiert die chinesische Online-Enzyklopädie „Baike-Baidu“ den Auslandsdienst China Radio International (CRI). Diesen Kommentar gebe es als Kolumne auf der Website von CRI, und im Juli 2019 habe dann auch „Xinwen Lianbao“, die Hauptnachrichtensendung des zentralen Staatsfernsehens CCTV, eine Serie dieser Kommentare verbreitet.

Gesellschaftlich hat der „Internationale Scharfe Kommentar“ mit seinem zielsicheren Schreibstil weite gesellschaftliche Beachtung und Anerkennung gefunden,

so „Baike-Baidu“ bzw. CRI weiter.

Damit mag der „scharfe Kommentar“ einmal ein Trendsetter gewesen sein – mittlerweile allerdings zieht sich die offene West-Schelte durch das gesamte amtliche und halbamtliche Nachrichtenwesen Chinas.

Gleichwohl bleibt er auf den CRI-Webseiten eine Rubrik, auf Chinesisch und in verschiedenen anderen Sprachen.

So auch auf Deutsch: ​Eindämmungsring gegen China“ der USA ist schändlich und traurig, titelte CRI Deutsch am Sonntag. Dprt allerdings ist der „Scharfe Kommentar“ stark gekürzt; die chinesische Version, hier vom Zentralfernsehen CCTV wiedergegeben, ist weitaus ausführlicher – und sie enthält ein Sprichwort, das in der deutschen Fassung nicht unbedingt als solches auffällt: 远亲不如近邻2).

Die Unterscheidung nach Auslandsradio und Inlandsfernsehen ist nicht mehr so relevant wie zur Zeit der Einführung des „scharfen Kommentars“. Während früher CRI ein Medienimperium für sich war, das den entscheidenden Machthabern in der Parteiführung zunehmend ein Dorn im Auge zu sein schien, wurden inzwischen CRI, das Inlandsradio Central People’s Broadcasting Station (auch bekannt als „China National Radio“)  und das Zentralfernsehen CCTV zu einem Medienkonglomerat unter einheitlicher Führung zusammengelegt. Gleichwohl bleiben sie für In- und wider Erwarten auch für Ausländer als Quasi-„Marken“ unter ihren alten Namen erkennbar.

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Anmerkungen

1) Ursprünglich hieß der Kommentar „Globaler Scharfer Kommentar“. Hier veranlasste laut „Baike-Baidu“ aber „eine vorgesetzte Stelle“ eine Namensänderung auf „Internationaler Scharfer Kommentar“. Der Grund dafür könnte darin liegen, dass der anfängliche Name – „Huanqiu Ruiping“ – eine Namensähnlichkeit mit der staatsnahen Zeitung „Huanqiu Shibao“ aufwies.
2) Ausführlicher: „岂不闻远亲呵不似我近邻“. Qin Jianfu, ein Dramatiker der Robert E. Hegel zufolge gegen Ende der Yuan-Dynastie lebte, schrieb die musikalische Komödie „Der alte Herr der Osthalle bessert einen verschwenderischen Sohn“. Der Alte, selbst Vater eines hart arbeitenden Sohnes, übernimmt die Erziehung des verschwenderischen und leichtfertigen Sohnes einer befreundeten Familie, deren Oberhaupt gerade gestorben ist. Auf die harte Tour (und mit hintergründigem kaufmännischen Geschick) bringt er dem verschwenderischen Erben den Wert der Arbeit und des Geldes bei und erweist sich damit als besserer „Erzieher“, als es Verwandte hätten sein können.

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