Presseschau: Ost & West, Tiger und Esel

Will man einer Öffentlichkeit Propaganda von der weniger genießbaren Sorte servieren, geht das unter zwei Voraussetzungen. Die eine: die Öffentlichkeit ist es aus Gründen (zum Beispiel aus Nationalstolz oder weil sie sich ihr Menü sowieso nicht selbst zusammenstellen darf) gewohnt, ihren Medien ziemlich viel durchgehen zu lassen. Die andere: das Essen ist zwar nicht besonders lecker, wird aber in einem kuschligen Setting serviert.
Damit fühlt man sich zu Hause: Mutti kocht so schlecht wie immer.

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(Das oben rechts beworbene Erdnussöl ist der Stolz der chinesischen Nation. Es gewann einen technologischen Fortschrittspreis.)

Konkret: „Huanqiu Shibao“, ein durchaus patriotisches Blatt, vermisst beim Westen eine einfallsreichere Propaganda. (Das möchte die chinesische Zeitung vermutlich als sarkastisch verstanden wissen.)
Mehrere chinesische Gelehrte, so „Huanqiu“, wiesen im Interview darauf hin, dass die USA und ihre Verbündeten nach vergeblichen Kampagnen zu den Themen Hong Kong, Taiwan, Menschenrechten etc. nun darauf gekommen seien, China internationale Cyberangriffe vorzuwerfen. Das sei des Guizhou-Esels letzter Trick.
In diesem lexikalischen Artikel wird des Esels traurige Geschichte ausführlicher erzählt, und nachstehend auf Deutsch:

Vor langer Zeit gab es in Guizhou noch keine Esel. Niemand wusste, was ein Esel war. Eines Tages beförderte ein Mann einen Esel nach Guizhou. Er stellte ihn an den Fuß eines Berges. Ein Tiger im Gebirge sah den Esel von weitem, wie er rief, und dachte: „woher kommt dieses Ungetüm? Es sieht heftig aus, ich halte wohl besser Abstand!“

Es verging einige Zeit, in der der Tiger den Esel jeden Tag hin- und herlaufen sah und ab und zu schreien. Nun dachte der Tiger: „Ziemlich großes Haustier, ich weiß nicht, wozu es fähig ist, aber ich will mal sehen!“

Der Esel näherte sich unbemerkt dem Esel und berührte ihn. Der Ese wurde wütend: „Warum zum Teufel berührst du mich!“ Damm schlug er mit seinen Hufen aus. Ein-, zwei-, dreimal verfehlte er den Tiger, und damit entdeckte der, „dieser Esel*) kann ja nichts außer treten, der kann überhaupt nichts!“ Also riss er sein Maul auf, um den Esel zu fressen, und der Esel schrie  erschrocken: „Komm mir nicht zu nahe, ich kann treten!“

„Außer Leute treten kannst du nichts,“ lachte der Tiger, „ich aber kann Leute fressen!“ Gesagt, getan.

Daraus machte man dann ein Sprichwort, mit dem man beschrieb, wie Menschen sich mit sehr gewöhnlichen Methoden behelfen, an denen nichts Besonderes ist!  Zusammengefasst: „Des Esels Künste sind schwach“!

Der Vollständigkeit halber hier das Sprichwort, das aus nur vier Zeichen besteht, auf Chinesisch: 黔驴技穷.
Ebenfalls viel kürzer als die heutige Umgangssprache ist das mehr oder weniger klassische Original.

Und warum verwendet die Zeitung dieses Sprichwort? Zum einen, weil „Huanqiu“-Journalisten es nicht besser können. Zum anderen, weil man nichts verbessern soll, was sich in vier Zeichen sagen lässt. Und außerdem, weil es kuschlig ist.

In dem Moment, wo die Leser sich daran erinnern, wie sie diese schöne Geschichte in ihrer Kindheit im Sandmännchenprogramm gehört haben, lächeln sie und fühlen sich, wie gesagt, zu Hause, oder sogar ein bisschen tiger.

Aber mal ehrlich: so ist halt der Zeitungsleser, in China wie in Deutschland. Nichts gegen Informationen, aber vor allem möchte man sich gut aufgehoben fühlen.
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Anmerkungen

*) Keine Ahnung, warum der Tiger plötzlich weiß, dass es ein Esel ist. Das steht da so.
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