Putins Experiment

Russland habe, nur mit seinem Truppenaufmarsch und dem Szenario eines möglichen Krieges, den Westen an den Verhandlungstisch gebracht, so der österreichische Politikwissenschaftler Gerhard Mangott am Mittwochmorgen im Ö1-Journal. Diesen Trumpf – eben seine Truppenmobilisierung – werde es ungeachtet eines möglichen Teilabzugs nicht aus der Hand geben.

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Krieg? Was denn für’n Krieg? (TASS-Schlagzeilen, 2. Reihe)

Allerdings verhandelt Moskau vom Rand des Abgrunds aus – und es ist vor allem ein Abgrund für die Ukraine und für Russland selbst, ungeachtet aller von vielen Europäern befürchteten humanitären und wirtschaftlichen Rückschlägen, die sich aus einer russischen Invasion ergeben würden. Was die EU auszuhalten hätte, wenn es zu einem Krieg käme, wäre überschaubar, verglichen mit den Kriegsfolgen für Russland und dem Ziel seiner Aggression.

Putin gleicht insofern einem Selbstmordattentäter, der seine Nachbarschaft dazu auffordert, ihn ganz vorsichtig zum Abnehmen seines gut geladenen Sprengstoffgürtels zu bewegen: „nun macht mal!“

Erfolgreich war seine Truppenmobilisierung gleichwohl. Die blasierte westliche Vorstellung, man könne die Krim und den Schwarzmeerstützpunkt Sewastopol  zum Nulltarif bekommen, zerplatzte schon 2014 mit der russischen Annexion. Und jetzt platzt die in der westlichen Öffentlichkeit genährte Vorstellung, russische Bedenken hinsichtlich von westlichen Truppen oder westlicher militärischer Infrastruktur an seinen Grenzen seien halt paranoid.

So gesehen hat Putin argumentativ mächtig gepunktet.

Wie paranoid nämlich der Westen auf den russischen Truppenaufmarsch (immerhin offenbar ausschließlich auf russischem Territorium) reagierte, spricht für sich. Daraus ergibt sich auch die Notwendigkeit, zumindest ernsthaft mit Russland zu verhandeln – und sich selbst darüber klar zu werden, wofür man denn im äußersten Fall wirklich Krieg führen würde.

Aber auch Moskau hat Grund, den kleinen Ost-West-Konflikt (in Europa) nicht zu weit zu treiben – für seinen Olympia-Besuch und für die Intensität jedenfalls, mit der Putin sich für eine „Wiedervereinigung“ Taiwans für China ins Zeug legte, bekam er zumindest öffentlich so gut wie nichts zurück. Denn ein Selbstbestimmungsrecht der Völker (eher ein Argument für eine russische als für eine ukrainische Krim) ist das letzte, was die chinesische Kolonialmacht gebrauchen kann.

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