Hundert Jahre Wladimir Dudinzew

Im Juli wäre Wladimir Dmitrijewitsch Dudinzew (oder Vladimir Dimitrievich Dudintsev) hundert Jahre alt geworden. Ende der 1950er Jahre erschien eine deutsche Ausgabe seines wohl bekanntesten Romans.

Wladimir Dudinzew wurde am 16. Juli 1918 als Sohn russischer Adliger in der Ukraine geboren. Er studierte trotz seines Klassenhintergrundes Rechtswissenschaften und nahm danach am zweiten Weltkrieg teil. Als Kompaniechef (also wohl als Hauptmann) wurde er in der Schlacht um Leningrad schwer verwundet. Danach war er bis Kriegsende Militärstaatsanwalt. Nach dem Krieg arbeitete er für die „Komsomolskaja Prawda“, einer Zeitung der sowjetischen Jugendorganisation. 1956 veröffentlichte er „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, den Roman eines Erfinders, der mit einer von ihm entwickelten Innovation zum Röhrenguss jahrelang an Intrigen und der sowjetischen Bürokratie scheitert, bevor er den Durchbruch schafft.

Der Roman, der offenbar in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre spielt, beschreibt die Allianzen erfolgreicher System-Karrieristen (deren Beiträge zum Fortschritt er keineswegs durchweg bestreitet), die isolierten Allianzen der produktiv scheiternden Verlierer, und der dazwischen Hin-und-Hergerissenen. Der Erfinder, ein Mann namens Dmitrij Alexejewitsch Lopatkin, gehört einstweilen zu den Verlierern. Sein technisches Konzept zum Röhrenguss scheitert spätestens an den Eingängen der Bürokratie:

Auch in diesem [Ablehnungs]Brief wurde die ihm nun schon zur Genüge bekannte Formel abgewandelt: „Die Maschine ist zu kompliziert und nicht raumsparend genug.“ Aber das Gesicht, das ihn aus diesem Schreiben ansah, war ganz anders. Es war das vornehme Gesicht eines Exekutivbeamten, der diese Formel bei Tepikin [einem wissenschaftlichen Gutachter und Anhänger eines etablierten Konkurrenten Lopatkins] abgeschrieben hatte und der froh war, daß es eine „Begründung“ gab, die ihm überdrüssig gewordene Angelegenheit endlich abzuschließen und dem stellvertretenden Minister zur Unterschrift vorzulegen. In einer Ecke des Schreibens hatte dieser Beamte sogar seinen Namen untergebracht: „Exek. Nebrajew“. Dieser kleine Hausgeist im Ministerium war wie ein Pförtner am Tor. Durch ihn drangen die Worte Awdijews in die Amtszimmer, um hier als Klugheit hoher Persönlichkeiten ausgewertet zu werden.

Zu den Karrieristen gehört der Kombinatsleiter Leonid Iwanowitsch Drosdow, der im Begriff ist, in die Zentralbürokratie in Moskau aufzusteigen. Und die Bürokraten haben leichtes Spiel: schuld sind im Zweifel die Konstrukteure und Techniker vor Ort. Als das zunächst angenommene Modell eines etablierten Konkurrenten Lopatkins sich als Fehlkonstruktion erweist, hat der oberste Ingenieur des Kombinats ein Problem; nicht aber Drosdow. Und vor den Zentralbürokraten in Moskau ringen Menschen mit Ideen um die Gunst der Zentrale, etwa so wie Colin Powell fünfzig Jahre später um die Seele seines Präsidenten.

Drosdow erklärt seiner Frau Nadja seine Sicht der Dinge – es sei ganz natürlich, dass die etablierten Wissenschaftler Lopatkin mit harten Bandagen bekämpften: „Jede Idee, die lebensfähig ist, hat ein Eigenleben, wird selbständig – sie sucht sich selbst ihren starken Mann, der dafür garantiert, dass sie gedeiht. Die Idee zieht eine Ehe aus Berechnung einer Ehe aus Liebe vor!“ […] „Die Idee betrügt gerne ihren ersten Liebhaber, sie hält es lieber mit einem einflussreichen und energischen Gönner.“

Nadja Drosdowa gehört zu den Hin-und-Hergerissenen, und wechselt schließlich in das einsame Lager Lopatkins.

„Nicht vom Brot allein“ (1956) beschreibe ein Picknick, verglichen mit „Ein Tag im Leben des Ivan Denissovitsch“ (1962), soll ein Leser der Gulag-Erzählung an Alexander Solschenizyn geschreiben haben.

Aber in den späten 1950er Jahren elektrisierte „Nicht vom Brot allein“ das westliche Ausland. Die „New York Times“ veröffentlichte eine Buchbesprechung. Und Henri Nannen, Herausgeber des „Stern“ und der „Sternbücher“, witterte einen Coup für seinen noch jungen Verlag.

Ohne die Phase des „Tauwetters“ nach Stalins Tod und Nikita Chruschtschows Machtübernahme wäre die – einstweilige – Veröffentlichung von Dudinzews Roman nicht denkbar gewesen. Aber es dauerte nicht lange, und Parteiführung wie auch literarische Konkurrenten wendete sich gegen „Nicht vom Brot allein“. Und Dudinzew rang jetzt nicht nur mit der Bürokratie in seinem Land, sondern auch mit Henri Nannen: er verbat sich in einem Brief an den Herausgeber vom 19. Februar 1957 – knapp eine Woche, nachdem der „Spiegel“ über Nannens Pläne berichtet hatte – den Verlag einer von ihm nicht autorisierten deutschen Ausgabe. Im Raum standen damals möglicherweise auch Änderungsforderungen, die in der Sowjetunion an Dudinzews Originalmanuskript gestellt wurden, denn trotz der „Tauwetterphase“ in der UdSSR sah Dudinzew sich mit seinem Roman schwerer Kritik ausgesetzt.

Nannen antwortete ihm am 7. März, freundlich und kühl. Er berief sich auf das Recht zur Veröffentlichung, weil die Sowjetunion ja keinem Vertrag zum Schutz des Copyrights beigetreten sei:

Sie werden uns gewiß keinen beifall zollen, aber Sie werden sicher verstehen können, wenn wir nun den Weg wählten, der uns allein dadurch offenblieb, daß die Regierung der UdSSR sich bisher standhaft weigerte, den internationalen Verträgen über die Wahrung des Urheberrechtes beizutreten. So druckt die Sowjetunion ungezählte in Westeuropa erschienene Bücher in russischer Übersetzung nach, ohne daß dafür vom Autor oder von seinem Verleger eine Lizenz vorläge. Das gleiche Recht gilt nun ebenfalls im umgekehrten Sinne: auch das Werk eines sowjetischen Autors fällt in Deutschland nicht unter die Schutzbestimmungen der internationalen Verienbarungen. Aber das soll in unserem Falle nicht etwa heißen, daß wir die Praktiken sowjetischer Verlage übernehmen und Ihre Arbeit für uns ausnutzen wollen, ohne Ihnen das Ajutorenhonorar zu zahlen. Wir möchten nur dem westdeutschen Leser die Möglichkeit verschaffen, Ihren Roman in der unveränderlichen Form zu lesen.

Die Macht hatte gesprochen – Dudinzew verhandelte am 10. April nur noch über die Übergabebedingungen – er wolle der deutschen Ausgabe seines Romans – wenn es noch nicht zu spät sei – gern ein Vorwort vorausschicken.

Das tat er dann auch – wobei es zumindest in der Bertelsmannschen Lizenzausgabe 1958 nur im Anhang erschien – , und vielleicht ist dieses Vorwort auf seine Weise ebenso lesenswert wie der ganze Roman. Ja, er beschreibe dramatische Konflikte zwischen den Helden seines Buches, so Dudinzew, aber an mancher verzerrten Wahrnehmung im Westen habe er etwas richtig zu stellen:

Wir Sowjetmenschen wachen eifersüchtig über die Grundprinzipien unseres Lebens, über die Sauberkeit der neuen Verhältnisse, in die wir als tätige Glieder von Jugend an gestellt sind, und darüber, daß niemand den Schwung und die Begeisterungsfähigkeit unserer Herzen mißbraucht. Mit aller Kraft, deren ein Mensch fähig ist, dem man die Erreichung seines Lebenszieles verwehren will, lehnen wir jene Störenfriede ab, die in unsere Reihen Enttäuschung, Mißmut und eigennützige Berechnung hineintragen wollen. Wir fallen mit all unserem Zorn über sie her. Und mag einer dieser gewinnsüchtigen Egoisten noch so zäh sein, so werden wir ihn doch zur Kapitulation zwingen.
Genau diese Gefühle sahen meine sowjetischen Leser in meinem Roman. Aber diese Gefühle haben nicht im geringsten etwas mit jenem kleinen Rauchfähnchen der Hoffnung zu tun, das vielleicht im Herzen eines in der Emigration gealterten russischen Gutsbesitzers aufgestiegen ist, der in meinem Roman eine propagandistische Note zu finden hofft.

Einer der „Gutsbesitzer“, von denen Dudinzew schrieb, hätte sein eigener Vater sein können – wenn er nicht (diesem Beitrag zufolge) als „weißer“ Offizier exekutiert worden wäre.

Dudinzews Leben war voller Brüche. Vielleicht war er selbst ein „gebrochener“ Mann, aber er war nicht ohne Stolz. Sein Briefwechsel mit Henri Nannen fiel mir wieder ein, als ein Russe den „Westen“ (sinngemäß) dafür kritisierte, er wolle keine „Verlierer“ kennen. Jeder gebe sich als „Gewinner“ und lege Wert auf dieses Image, an das jeder auch selbst glaube – aber so einfach sei das wirkliche Leben nicht.

Darin schien mir bei aller Verallgemeinerung eine Art Wahrheit zu liegen. Henri Nannen hatte dem Deutschen Reich als Kriegsberichterstatter gedient und während der olympischen Spiele 1936 in Berlin als Stadionsprecher gearbeitet. Die Selbstverständlichkeit, mit der er zwölf Jahre nach Kriegsende Dudinzew – einen Weltkriegsteilnehmer der Gegenseite – abfertigte, war von einer Selbstverständlichkeit getragen, die ohne eine wirkungsvolle Autosuggestion – Nannen betonte unter anderem, dass er in einem Land lebe, dessen Verfassung jedem Bürger die Unantastbarkeit der Person und die freie Äußerung seiner Meinung verbürgt (p. 459) – kaum vorstellbar erscheint.

Sein Vorwort fügte Dudinzew seinem Schreiben vom 10. April 1957 an Nannen offenbar gleich bei – aber einfach so stehenlassen wollte Nannen auch das nicht, und fügte wiederum seine Sicht der Dinge hinzu:

Der Zwang aber, unter dem der Autor sichtlich steht, kommt nicht von außen, nicht von den westlichen „Experten“, die mit böswilligem Mißverstehen seine Absichten verfälschen – er kommt von den sowjetischen Hütern der kommunistischen Partielinie selbst, die eben noch rechtzeitig bemerkt haben, welche Gefahr die Diskussion über disen Roman für das Tabu ihrer Macht bedeutet.

Nannen zitierte ausführlich aus einer Veröffentlichung der „Litaraturnaja Gaseta“, über ein Streitgespräch vom März 1957, in dem Dudinzew seinen Roman gegen scharfe Kritik verteidigte, und seinen Standpunkt mit einer Kriegserinnerung zu legitimieren versuchte: trotz zahlenmäßiger Überlegenheit der sowjetischen Luftwaffe in einem Luftkampf der ersten Kreigstage hätten die deutschen Jäger ein sowjetisches Flugzeug nach dem anderen abgeschossen.

Und die Frage drängte sich mir auf: wie war eine solche Abschlachtung bei der großen zahlenmäßigen Überlegenheit der sowjetischen Flieger möglich? Und ich suchte die ganze Zeit nach einer Antwort, während ich Material für den Roman sammelte.

Kaum hatte Dudinzew seine – ausführlichere als hier zitiert – Kriegserinnerung ausgesprochen, erhob sich – laut Nannens Wiedergabe des Literaturnaja-Gaseta-Berichts – ein Tumult.

Die Schriftstellerin Prileshajewa warf ihm ein schlechtes Gedächtnis vor. „Dudinzew hat wohl vergessen, daß die ‚Katuscha‘ (Stalinorgel) von uns erfunden wurde und nicht von den Deutschen.“ Konstantin Simonow, Chefredakteur von „Nowy Mir“, beklagte lebhaft die „mangelnde Wachsamkeit“ seiner Redaktion, die gegenüber dem Autor „nicht die genügende Festigkeit aufbrachte, um ihn davon zu überzeugen, daß dieser Roman wegen seiner einseitigen Schilderung unserer gesellschaftlichen Situation einer gründlichen Umarbeitung bedurft hätte“.

Für viele Jahre danach überlebte Dudinzew nicht viel anders als sein Romanheld Lopatkin, by loans and anonymous gifts. 1988, während der Gorbatschow-Ära, erhielt er einen Staatspreis. Nach noch einmal zehn (späten) Jahren der Teilnahme an der Öffentlichkeit starb er im Juli 1998, wohl eine Woche nach seinem achtzigsten Geburtstag.

Nannens Art und Weise aber, in der er 1957 mit Dudinzew umging, war Teil der bundesdeutschen „Erzählung“ selbst. Es mag zu denken geben, dass gesamtdeutsche Publizisten derzeit eine „Erzählung“, ein „Narrativ“ suchen, aber bisher keins finden. Der nachkriegsdeutsche Westen hatte eine Erzählung. Sie war selbstgerecht, sie lehnte sich sehr bequem an die Sieger an (insbesondere an den transatlantischen), und er wusste immer ganz genau, wo der Feind stand – im Osten.

Insbesondere in letzterer Hinsicht sucht und findet die gesamtdeutsche politische Führung heute offenbar wieder Anknüpfungspunkte. Ob die Öffentlichkeit ihr darin folgen wird, bleibt einstweilen noch offen.

Aber auch die russische Führung weiß, wo der Feind steht – im Westen. Und anders als im Westen scheint das Feindbild – bisher jedenfalls – bei der nationalen Aufbaupropaganda (nation-building propaganda) als inländisches, gesellschaftliches und nationalistisches Bindemittel zu funktionieren, das die inneren Widersprüche Russlands überklebt.

Aber ein politisches System muss seine Bürger längerfristig auch im Alltag überzeugen. Im Bösen zeigte sich das in Deutschland in den 1920er bis 1940er Jahren.  Das demokratische und rechtsstaatliche System legitimierte sich danach, in den 1950er und 1960er Jahren, mit dem „Wirtschaftswunder“.

Und man war damals in Westdeutschland nicht geneigt, osteuropäischen Systemkritikern (nicht etwa Systemgegnern) wie Dudinzew beim Wort zu nehmen, wenn sie sagten, es gehe ihnen nicht um die Bekämpfung, sondern um die Bewahrung des Sowjetsystems.

Die Deutung, dem zufolge Dudinzew ein Gegner des Sowjetsystems gewesen sei, gefiel sowohl der sowjetischen als auch der bundesdeutschen Öffentlichkeit offenbar besser als seine eigene, ideologisch weitaus unhandlichere Erklärung, dass es ihm um den Erhalt der Sowjetunion gegangen sei. Moskau wollte von real existierenden Problemen nichts hören. Und Westdeutschlands Propaganda brauchte jeden sowjetischen Dissidenten, den es kriegen konnte.

Ob Russland längerfristig auf Wunder verzichten kann? Vielleicht – es sind nicht alle Menschen und Gesellschaften gleich. Aber die russischen Eliten leben gefährlich, wenn sie sich darauf verlassen.

Am Beispiel der mexikanischen „Partei der Institutionalisierten Revolution“, die nach einem Menschenalter um 2000 ihre Vormachtstellung (wohl unblutig) verloren hatte, warnte das chinesische Parteiorgan „Volkszeitung“ seine Kader 2011 mit den Worten, die Niederlage der sowjetischen KPdSU und die „über Nacht“ erfolgten Veränderungen in Osteuropa seien eine Warnung: „schwarze Korruption kann auch revolutionäre Organe befallen.“

Dudinzew hatte das – seinen eigenen Worten nach – für die Sowjetunion nicht gewollt. Vor den zerstörerischen Folgen von Korruption und Bürokratismus hatte er auf seine Weise schon Jahrzehnte vor dem Zerfall des Ostblocks gewarnt.

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Bearbeitete Version eines Blogs von 2013. Hier verwendete Zitate – soweit nicht anders verlinkt – basieren auf einer Lizenzausgabe der damaligen Nannen-Verlagsveröffentlichung für den Bertelsmann Lesering, Gütersloh, 1958.

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